Seit 2018 gehört TikTok neben Instagram und Snapchat zu den Lieblings-Apps junger Menschen in Deutschland. Was macht das junge soziale Netzwerk aus und welche Potenziale ergeben sich für Unternehmen?

In sportlichen Outfits stehen sich BVB-Profi Mario Götze und seine Ehefrau Ann-Kathrin im Wohnzimmer gegenüber. Beide klatschen in die Hände, dann geht die Musik los. Es läuft der Song „Oh nanana“ von harshapatel123. Im Takt schlagen sie ihre Beine übereinander und hüpfen. Das Ganze dauert circa 15 Sekunden, dann ist das TikTok-Video vorbei.

Gesehen haben den kurzen Spot bislang 1,7 Millionen Menschen. Doch es geht noch mehr: Ganze 76,4 Millionen waren Zuschauer von „martamie“s Video, indem sich die Influencerin mit einem Rasierer die Augenbrauen entfernt. Neben den menschlichen Protagonist, werden auch zahlreiche Tiere zu TikTok-Stars. Haben Sie eventuell schon von dem quietschenden Hundebaby gehört? Über eine Million haben es jedenfalls.

Das ist TikTok

Zu den Nutzern von TikTok gehört auch Natasha Kimberly — vielen bekannt als „tashakimberly“. Mit über 421.000 Abonnenten auf Instagram und über 260.000 auf TikTok unterhält sie ihre Follower regelmäßig mit Videomaterial. „TikTok verwende ich aber nur circa zwei Mal am Tag. Ich nutze die App meistens dafür, um meine Inhalte von Instagram zu crosspromoten, weil ich sie dann auch dort hochlade. Manchmal scrolle ich mich auch nur so 20 Minuten durch die App. Da kann man schnell mal die Zeit vergessen“, so die Content-Creatorin.

Unterhaltung — darum geht es in erster Linie bei der Social-Video-App.

Nicht umsonst sind über 800 Millionen Nutzer registriert und erfreuen sich an täglich neuen Kurzfilmchen. Doch was ist TikTok eigentlich?

  • Mit TikTok können User kurze Musik-Videos im Hochformat aufnehmen, hochladen und im Netzwerk teilen.
  • Als Untermalung hält die App Millionen Songs bereit. Zu denen wird dann getanzt und im Play-back gesungen.
  • Die Clips können noch mit Hashtags, Effekten, Stickern oder Filtern versehen werden.

Kein Wunder also, das besonders bei Kindern und Jugendlichen die App so beliebt ist. Denn wo kann man — neben Instagram — so schnell und kreativ an seiner Selbstdarstellung arbeiten und dafür noch das eine oder andere „Like“ kassieren?

Risiken und Sicherheitslücken

Was auf den ersten Blick nach Spaß klingt, sieht in Realität leider etwas anders aus. Denn: TikTok bringt einige Risiken und Sicherheitslücken mit, die Eltern Bauchschmerzen bereiten sollten.

  • Da wäre zu einem der mangelnde Jugendschutz. Zwar schreibt TikTok in seinen AGB ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Doch geprüft wird das Alter nicht. Es genügt die Angabe eines falschen Geburtsdatums.
  • Zudem wird für unter Achtzehnjährige explizit eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorausgesetzt. Doch auch diese untersteht keiner Prüfung. Folge: Nicht wenige Nutzer sind deutlich jünger, als das Mindestalter der App vorgibt.
  • Auch die Privatsphäre ist zu Beginn der Nutzung nicht garantiert. Die Profile sind von Haus aus öffentlich. Wer sich also vor Hasskommentaren oder sogenanntem Cybergrooming (Kontaktaufnahme mit fremden Personen) schützen möchte, sollte sein Profil in jedem Fall auf „Privat” stellen.

Dies gilt nicht nur für TikTok, sondern auch für alle anderen Social-Media-Plattformen wie Instagram, Snapchat und Facebook.

So sieht es auch Natasha aka „tashakimberly“ „Die Sicherheit bei TikTok ist genauso schwammig, wie bei jeder anderen Social-App. Da muss definitiv nachgerüstet werden. Besonders wenn Kinder die App nutzen, sollten Eltern schon ein Auge darauf haben, wie viel die App genutzt wird.“

„Hässliche und dicke“ User sind verboten

Eigentlich sind die Moderationsregeln von TikTok geheim. Doch jüngst aufgetauchte, interne Dokumente des Unternehmens zeigen auf, was TikTok möchte und was nicht.

  • Und da heißt es zum Beispiel, dass „Dicke und zu dünne Menschen“ von den zuständigen Moderatoren gefiltert werden sollen — ebenso „hässliche Gesichter“.
  • Zudem dürfen produzierte Videos keine schäbigen Hintergründe wie Slums aufweisen.
  • Alle Videos, die diese Elemente enthalten, würden bei TikTok nicht auf der Frontpage „For You“ gezeigt werden. Heißt also: Nur wer perfekt ist, wird von TikTok akzeptiert.

Natasha Kimberly: „Ausgrenzung wollen wir in der Gesellschaft nicht, also auch nicht bei einer Social-Media-App.“

Doch ist das wirklich so?

Wenn man aktuell durch die App scrollt, kann man von der Umsetzung glücklicherweise nicht viel sehen. Der Meinung ist auch „tashakimberly“. „Also wenn ich die App konsumiere, sehe ich das nicht so. Da sind viele User, die dem klassischen Schönheitsideal nicht entsprechen und das ist auch gut so. Viele von denen sind supererfolgreich und generieren zahlreiche Aufrufe. Dazu gehören zum Bespiel auch Tanzvideos von Opis oder Müttern.“ Doch sollten sich die Moderationsregeln von TikTok tatsächlich bewahrheiten „geht das natürlich gar nicht, wenn Leute diskriminiert werden“, so „tashakimberly“. „Dann bin ich schockiert.”

Die Potenziale für Unternehmen

Auch Unternehmen sollten in Zukunft mit eigenen Profilen auf TikTok setzen. Damit wirken sie modern, interessant und lebendig. Sie sprechen damit eine noch breitere und vor allem jüngere Zielgruppe an, die sie über den normalen Weg – zum Beispiel über Werbeprospekte, Radiospots, etc. nicht erreichen würden.

Wenn Unternehmen vor allem an Verkauf und Werbung interessiert sind, ist ein TikTok-Profil von hoher Bedeutung.

Mit kurzen – oftmals lustigen- Videos Interesse wecken und im besten Fall Absätze generieren.  Aber auch für wichtige Videobotschaften kann die App für eine große Reichweite sorgen – nämlich Tausende.

Unternehmen, die auf der Suche nach Nachwuchs in den eigenen Reihen sind, könnten die App auch nutzen, um auf Ausbildung und weitere Job-Angebote hinzuweisen. Hier weckt man die Aufmerksamkeit sicher mehr über TikTok, als mit einer üblichen Stellenanzeige.

FAZIT

Fragwürdige Sicherheitslücken, interne Moderationsregeln und großer Unterhaltungswert — das ist TikTok. Ein Trend, der neben Negativem auch Positives mitbringt, ist aufgrund der Vielzahl an Usern wohl nicht zu bremsen. „Auch ich halte TikTok für eine Plattform mit viel Potenzial“, berichtet Natasha „aber auch gleichzeitig für eine App mit viel Suchtpotenzial. Besonders junge Menschen bräuchten meiner Ansicht nach eine zeitliche Einschränkung der App.

Das Positive an der App ist, dass man superkreative Videos produzieren kann. Es ist eben nicht nur das allbekannte Lipsync (Lippensyncronisation), sondern es gibt auch viele originelle und gesellschaftskritische Inhalte. Die Tagesschau hat zum Beispiel mittlerweile auch einen eigenen Account. Auch Unternehmen können sich durch die kreative Verbreitung Ihrer Werbebotschaften über TikTok vom Wettbewerb abheben und die jüngere Zielgruppe besser erreichen. Deswegen bin ich grundsätzlich für: Ja, einen Account anlegen.“

 

Anja Schindler

Von Anja Schindler

Redakteurin in der Redaktion Sonderthemen bei der FUNKE MediaSales Nordrhein-Westfalen