Drei Millionen Schrauben des südwestfälischen Herstellers EJOT sorgen dafür, dass die Schutzhülle des 1986 explodierten Reaktors 4 in Tschernobyl auch in hundert Jahren noch dichthalten soll.

Andreas Wolf, Pressesprecher von EJOT, über Fachkräfte- und Aufmerksamkeitsgewinnung in einer ländlichen Region – und über nur auf den ersten Blick unspektakuläre Schraubverbindungen.

EJOT hat seinen Sitz in einer sehr ländlich geprägten Region NRWs – dem Wittgensteiner Land in Südwestfalen. Welche Vor- und Nachteile hat das Landleben für einen Mittelständler wie EJOT, Herr Wolf?

Andreas Wolf

Andreas Wolf

Andreas Wolf: „Die Menschen hier in Wittgenstein und in den angrenzenden Regionen sind sehr bodenständig und loyal. Das gilt auch für das Unternehmen EJOT. Für die Menschen in Wittgenstein gibt es gute und interessante Jobs, bezahlbare Mieten und Grundstückspreise sowie Kitas und Schulen um die Ecke. Das sind Vorteile, die auch immer mehr Menschen aus den Großstädten und Ballungszentren für sich entdecken und zu schätzen wissen.

Nachteil ist die fehlende Verkehrsinfrastruktur und Anbindung an die Oberzentren. Die Politik hat wohl endlich begriffen, dass hier dringend etwas getan werden muss.“

EJOT-Produkte – also ausgeklügelte Verbindungen – verschwinden förmlich in wesentlich größeren Produkten und sind somit nur auf den zweiten Blick zu erkennen. Wie generiert man für solche auf den ersten Blick eher unspektakuläre Produkte Aufmerksamkeit?

Andreas Wolf: „In der Branche gibt es diese Aufmerksamkeit seit Jahrzehnten, weil unsere Produkte den Kunden in unterschiedlichsten Bereichen einen hohen Nutzen liefern und in der Anwendung einen wichtigen Beitrag in Sachen Nachhaltigkeit leisten. Das gilt für den Karosseriebau in der Automobilindustrie ebenso wie für zahlreiche Anwendungen in der Bauindustrie, wo EJOT-Produkte einen Beitrag zur Energieeinsparung leisten.“

Den Kontrast zwischen spektakulär und versteckt, zwischen Groß und Klein spiegelt sehr schön die EJOT-Schraube mit dem nüchternen Namen „JT3“ wider, die so widerstandsfähig ist, dass sie 100 Jahre lang den Sarkophag des explodierten Tschernobyl-Atomreaktors zusammenhalten soll. Drei Millionen Stück haben Sie 2012 davon in die Ukraine transportiert. Wie kommt man an so einen Auftrag?

Andreas Wolf: „Sicherheit und Haltbarkeit der verwendeten Baumaterialien spielten bei diesem Projekt eine herausragende Rolle. Das galt auch für die Schraubverbindungen, mit denen das Dach der gewaltigen Stahlkonstruktion montiert wurde. Bei der Auswahl der Zulieferfirmen konnte EJOT umfangreiche technische Fragen detailliert beantworten.

Darüber hinaus wurden sämtliche Fertigungs- und Prozessschritte durchgängig überwacht, angefangen von der Wareneingangsprüfung des Rohmaterials bis hin zur Endprüfung – dem Identity Check. Dafür stehen standardisierte Fertigungsverfahren sowie interne Prüfungen nach Vorgaben der EOTA (European Organisation for Technical Approvals).“

Erfolgreiches Marketing wird nicht nur im Hinblick auf Produkte, sondern auch im Hinblick auf Fachkräftegewinnung immer wichtiger. Welche Rolle spielt Employer Branding für EJOT?

Andreas Wolf: „Eine große Rolle. Doch bereits lange bevor Themen wie demografischer Wandel oder Fachkräftemangel in den Blickpunkt gerückt sind, hat sich EJOT in seiner Personalentwicklung nachhaltig aufgestellt. Das gilt für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wo erstmals bereits in 2011 eine Zertifizierung erfolgt ist. Zudem gibt es Angebote zur Gesundheitsvorsorge, eine Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder der Aufbau einer Zusatzversorgung im Alter.

Das Thema Ausbildung junger Menschen spielt von je her eine wichtige Rolle. Seit Jahren existieren Partnerschaften mit weiterführenden Schulen in der Region. Das Familienunternehmen EJOT definiert sich nicht nur über seine innovativen Produkte, sondern auch über die Wertschätzung gegenüber seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.“

Vielen Dank für das Interview!

ndustriegelaende der Firma EJOT in Bad Berleburg.

Industriegelaende der Firma EJOT in Bad Berleburg.

EJOT ist eine mittelständische Unternehmensgruppe aus der metallverarbeitenden Industrie und europäischer Marktführer in der Verbindungstechnik. EJOT bietet eine breite Palette innovativer Verbindungselemente, insbesondere gewindefurchende Schrauben für Kunststoffe und Metalle, technische Umformteile aus Kunststoff und Metall sowie das Komplettprogramm für die Befestigung der Außenhülle von Gebäuden. Die Kunden kommen aus der Automobil- und Zulieferindustrie, der Telekommunikations- und Unterhaltungselektronik oder aus dem Baugewerbe. EJOT beschäftigt weltweit ca. 3600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Neben den deutschen Produktionsstandorten in Bad Berleburg, Bad Laasphe und Tambach-Dietharz/Thüringen produziert EJOT in China, Großbritannien, Mexiko, Polen, Schweiz, Taiwan, Türkei, USA und Finnland. Darüber hinaus hat das Unternehmen zahlreiche Vertriebsgesellschaften rund um den Globus.

Dier EJOT-Schraube JT3 hält den Sarkophag von Tschernoybl zusammen

Dier EJOT-Schraube JT3 hält den Sarkophag von Tschernoybl zusammen

Für den Bau der neuen Schutzhülle um den zerstörten Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine hat die EJOT Baubefestigungen GmbH aus Bad Laasphe über drei Millionen Spezialschrauben geliefert. Hierbei handelt es sich um die „Super-Saphir Bohrschraube JT3“ in verschiedenen Abmessungen. Diese Spezialschraube besteht aus zwei Werkstoffen: aus Edelstahl mit einer Bohrspitze aus gehärtetem Stahl und einem Dichtring aus Gummi. Jede einzelne dieser Schrauben muss 100 Jahre halten.

Laasphe über drei Millionen Spezialschrauben geliefert. Hierbei handelt es sich um die „Super-Saphir Bohrschraube JT3“ in verschiedenen Abmessungen. Diese Spezialschraube besteht aus zwei Werkstoffen: aus Edelstahl mit einer Bohrspitze aus gehärtetem Stahl und einem Dichtring aus Gummi. Jede einzelne dieser Schrauben muss 100 Jahre halten.

Am 26. April 1986 ereignete sich im Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl der Super-GAU. Ein halbes Jahr später, am 15. November, wurde ein als Provisorium gedachter Beton-Sarkophag fertig gestellt, der den offenen Reaktor bis heute umgibt und einen Teil der Strahlung zurückhält. Allerdings wurde diese Schutzhülle schnell baufällig und musste immer wieder repariert werden. Die löcherige Konstruktion ließ Wasser eindringen und Staub austreten. Ein neuer, gigantischer Sarkophag soll deshalb langfristig Schutz bieten: 105 Meter hoch, 257 Meter Spannweite, 150 Meter breit und mit einem Gewicht von rund 29.000 Tonnen. Bei der neuen Schutzhülle handelt es sich um die größte jemals gebaute bewegliche Struktur. Wegen der hohen Strahlenbelastung vor Ort war der Aufbau direkt über dem alten Sarkophag nicht möglich. Deshalb wurde die Schutzhülle auf einem Nachbargelände gefertigt und im November 2016 über den alten Sarkophag geschoben.

Bastian Föst

Von Bastian Föst

Bastian Föst ist ausgebildeter Journalist, hat einen Universitätsabschluss in Politik- und Wirtschaftswissenschaften und arbeitet als stellvertretender Leiter des Bereichs Sonderthemen NRW bei der Funke Mediengruppe.