Demografischer Wandel und Fachkräftemangel machen auch vor der Region Südwestfalen nicht halt. Die fünf Kreise im südlichen Zipfel Westfalens stehen mit den benachbarten Ballungsräumen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und qualifizierte Fachleute. Hier spielt regionales Marketing eine entscheidende Rolle.

Unsere Interviewpartnerin Marie Ting ist Prokuristin der Südwestfalen Agentur GmbH. Als Leiterin des Regionalmarketings rührt sie die Werbetrommel für die Region.

Marketingaktivitäten für ein Produkt oder ein Unternehmen sind nichts Ungewöhnliches. Wie macht man Marketing für eine ganze Region?

Marie Ting, Prokuristin der Südwestfalen Agentur

Marie Ting: ,,Indem man überlegt, was die Region eint und auszeichnet. Südwestfalen ist die stärkste Industrieregion in NRW und Heimat von vielen international erfolgreichen und innovativen Unternehmen. Dafür stehen unter anderem die inzwischen fast 170 Weltmarktführer, aber auch die zahlreichen, oftmals familiengeführten mittelständischen Betriebe, die unglaublich gute Ausbildungschancen, ein familiäres Betriebsklima und große Verantwortungsspielräume bieten. Wer einen guten Job sucht, wird in Südwestfalen leicht fündig.

Gleichzeitig leben wir in einer der waldreichsten Regionen Deutschlands. Mit dem Sauerland und Siegen-Wittgenstein liegen zwei Tourismusregionen in Südwestfalen, die jährlich Millionen Gäste anlocken – das spricht für immens hohe Erholungs- und Lebensqualität in der Region. Für das Geld, das man in München oder Köln in die Miete einer Garage investiert, bekommt man hier ein großes Haus. Das sind Punkte, die zeigen: Hier lässt es sich ausnehmend gut Leben, Arbeiten und Wohnen. Südwestfalen ist eine dynamische, innovative und durch Kooperation geprägte Region: Ein echter „Hier-geht-was-Raum“. Hier ist vieles in Bewegung, QuerdenkerInnen und AnpackerInnen passen prima zur Region. Dieses Wissen und Gefühl zur Marke Südwestfalen transportieren wir mit einer umfassenden Marketing-Strategie.”

Südwestfalen ist die drittstärkste Industrieregion in Deutschland. Warum braucht diese Region überhaupt Marketing?

Marie Ting: „Weil dieser Fakt noch lange nicht überall bekannt ist. Der demografische Mangel und der Fachkräftebedarf machen auch vor der drittstärksten Industrieregion Deutschlands keinen Halt. In Südwestfalen sitzen über 80.000 Unternehmen mit unendlich vielen Berufsfeldern. Und doch haben die Unternehmen einen enormen Fachkräftebedarf. Die Stellen sind da, es fehlen die Bewerberinnen und Bewerber. Das gilt unter anderem für Maschinenbau-Fachkräfte, IT-Kräfte, aber beispielsweise für Ärzte, Pflegefachkräfte und Handwerker. Vielen jungen Leuten innerhalb und außerhalb der Region ist gar nicht klar, welche beruflichen Möglichkeiten sie in unmittelbarer Nähe haben. Das müssen wir ändern.

Zudem punktet Südwestfalen gerade in puncto Work-Life-Balance: Mal abgesehen vom Wohnen in Grünen zu erschwinglichen Preisen: Im Freizeitbereich lässt sich jede erdenkliche Sportart ausführen, die Vereinsstruktur und das Ehrenamt sind exzellent aufgestellt. Es gehört zur Normalität, nach der Arbeit noch eine Runde im Wald zu joggen, zu mountainbiken oder in den See zu springen – statt sich in langen Blechkolonnen von der Arbeit nach Hause durch den Großstadtverkehr zu quälen. Diese Vorteile der Region passen perfekt zu den Bedürfnissen vieler Menschen, doch wir müssen sie gezielt kommunizieren.”

  • Die Region Südwestfalen umfasst fünf Kreise: Soest, Hochsauerlandkreis, Märkischer Kreis, Olpe und Siegen-Wittgenstein
  • In 59 Städten und Gemeinden leben insgesamt 1,4 Millionen Menschen.
  • Fast jede(r) Zweite ist im Produzierenden Gewerbe tätig.
  • Wirtschaftsregion Nummer 1 in NRW, Nummer 3 in Deutschland
  • Südwestfalen ist die größte Naturparkregion in Deutschland

Die Südwestfalen Agentur GmbH wurde 2008 gegründet. Als regionale Entwicklungsgesellschaft bündelt die Südwestfalen Agentur die Kräfte von Wirtschaft und Politik zur wettbewerbsfähigen Positionierung der Region im Vergleich zu anderen Standorten. Seit 2012 setzt sie mit ihren Gesellschaftern Hochsauerlandkreis, Märkischer Kreis, Kreis Olpe, Kreis Siegen-Wittgenstein, Kreis Soest und „Wirtschaft für Südwestfalen e.V.“ das Regionalmarketing um. Im Bereich der regionalen Entwicklung arbeitet sie in enger Abstimmung mit den 59 Städten und Gemeinden an Zukunftskonzepten für Südwestfalen und setzt innovative Projekte um. Sie steuerte alle Aktivitäten im Rahmen der REGIONALE 2013 in Südwestfalen und übernimmt dies auch bei der REGIONALE 2025.

Wie macht man eine Region zu einer unverwechselbaren Marke und was bedeutet in diesem Zusammenhang der Slogan „Südwestfalen – alles echt“?

Marie Ting: „Das Besondere an Südwestfalen sind die verschiedenen Fakten, die überraschen. Diese wirtschaftliche, geballte Power und Kompetenz mitten im Grünen – das ist irre. Du fährst durch ewige Wälder, an kleinen Städten und Dörfern vorbei – und siehst immer wieder diese hochmodernen, beeindruckenden Firmengebäude. Dieses Zusammenspiel aus starker Wirtschaft und aus diesem herrlichen Lebensraum gibt es nicht so oft in Deutschland. Verrückt ist auch: Die Produkte südwestfälischer Unternehmen begegnen jedem von uns irgendwo im Alltag. Ohne Know-how aus Südwestfalen fährt Ihr Auto nicht, garantiert sind in Ihrem Wohn- und Bürogebäude Lichter, Badarmaturen oder Steckdosen aus Südwestfalen verbaut. In vielen Themenbereichen gilt Südwestfalen als europaweite Kompetenzregion, beispielsweise eben im Bereich Automotive oder Gebäudetechnik und Smart Home.

Vielfach lösen diese Fakten ein „Ach, echt?“ im Gegenüber aus – und wir bauen unsere Kommunikation eben genau so auf, dass wir sagen können: „Ja, echt.“ Der Slogan “Alles echt” verdeutlicht, dass wir alle Superlative mit Fakten belegen können. Jeder Weltmarktführer beispielsweise ist offiziell in einer Studie der Industrie- und Handelskammern in Südwestfalen erfasst und vorgestellt. Zudem steht der Slogan für das, was die Mentalität der Menschen in Südwestfalen vielfach kennzeichnet: Man ist ungekünstelt, bodenständig, verspricht nicht zu viel. Das Wort gilt, man kann sich darauf verlassen. Vielfach herrscht hier eine Macher-Mentalität. Für das Marketing der Region ist “Südwestfalen – Alles echt” deswegen eine wichtige Klammer.”

An welchen Interessengruppen sind die Aktivitäten der Südwestfalen Agentur ausgerichtet?

Marie Ting: „An drei. Da sind zum einen Politik und Öffentlichkeit: Auf Landes- und Bundesebene möchten wir das Bewusstsein schaffen, dass Südwestfalen das industrielle Herz NRWs ist und für innovative Ideen, Anpackertum und kluges Miteinander steht. Diese Region geht nach vorne und setzt Maßstäbe. Wir wollen auch bundesweit die erfolgreichste Region des industriellen Mittelstands sein – und als Inbegriff für gutes Leben, Arbeiten und Erholen gelten. Wir bieten Ideen und Netzwerk-Lösungen an und wünschen uns dafür Unterstützung. Denn uns zeichnet das Miteinander von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus. Wir ziehen da an einem Strang. Das ist nicht in jeder Region so.

Die zweite Gruppe sind Fach- und Führungskräfte mit ihren Familien, denen wir hier Perspektiven bieten – beruflich wie privat. Und dann natürlich auch die Menschen in Südwestfalen selbst, die im Alltag als Botschafter der Region unterwegs sind: Seien es Studierende oder SchülerInnen der Region oder auch jene, die schon seit 60 Jahren hier leben.”

Was sind Beispiele für Marketingmaßnahmen der Agentur?

Marie Ting: „Wir arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen: Zum einen fokussieren wir das Thema Mitmach-Optionen: In unseren Marketing-Prozess können sich Kommunen, Kreise, Unternehmen, Institutionen, aber auch Bürger und Interessierte einbringen und sowohl mit ihren Ideen, aber auch ganz handfest die gemeinsame Sache voranbringen. Zudem unternehmen wir viel, um gezielt auf die Region aufmerksam zu machen.

Beispielsweise besuchen wir in Absprache mit den Mitgliedsunternehmen des Vereins “Wirtschaft für Südwestfalen” Fachmessen und informieren über Jobchancen und Vorzüge der Region. Die Unternehmen wiederum werden über gezielte Angebote unterstützt im Arbeitgebermarketing im Werben um Fachkräfte. Der Aufbau des “Gap Year Südwestfalen“-Programms, das inzwischen erfolgreich läuft, ist eine weitere Maßnahme. Es ermöglicht jungen Menschen innerhalb eines Jahres drei Praktika bei drei verschiedenen Unternehmen zu machen – mit nur einer Bewerbung. Eine Idee, die von der Zielgruppe selbst kam und umgesetzt werden konnte! Es gibt ein Rückkehrer-Netzwerk für Menschen, die mal hier gelebt haben, dann fortgezogen sind, nun aber vielleicht wieder Interesse haben, zurückzukehren. Gemeinsam mit der Universität Siegen entwickeln wir gerade Schulmaterial zur Region. Gleichzeitig lenken wir beispielsweise auf der „Smart Country Convention“ den Blick des Fachpublikums auf aktuelle Entwicklungen wie Smart-City-Strategien in Südwestfalen.”

Vielen Dank für das interessante Gespräch Frau Ting!

Bastian Föst

Von Bastian Föst

Bastian Föst ist ausgebildeter Journalist, hat einen Universitätsabschluss in Politik- und Wirtschaftswissenschaften und arbeitet als stellvertretender Leiter des Bereichs Sonderthemen NRW bei der Funke Mediengruppe.