, Werben im PottDie Start-up-Kultur im Ruhrgebiet: „Man braucht nicht nach Berlin gehen“
  • View Larger Image Die Start-up Kultur im Ruhrgebiet wird vom ruhr:HUB und den lokalen Initiativen gefördert. Foto: Vasyl - Fotolia.com

    Die Start-up Kultur im Ruhrgebiet wird vom ruhr:HUB und den lokalen Initiativen gefördert. Foto: Vasyl - Fotolia.com

Die Start-up-Kultur im Ruhrgebiet: „Man braucht nicht nach Berlin gehen“

Hatten Sie schon mal einen genialen Einfall für ein neues Produkt oder eine einzigartige Dienstleistung, die es so bisher nicht gibt? Dann kennen Sie die Gedanken, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Doch bei der Gründung eines Start-ups gibt es vieles zu beachten und oftmals fehlt den Existenzgründern nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern auch das fachliche Know-how. Genau hier setzt eine Initiative im Ruhrgebiet an.

Im Ruhrgebiet versucht man seit einem Jahr, genau diesen Gründern bzw. zukünftigen Gründern zur Seite zu stehen und sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu begleiten. Mit dem ruhr:HUB wurde eine Initiative ins Leben gerufen, um die Start-up-Kultur im Ruhrgebiet zu fördern und besonders den Bereich Digitalisierung voranzutreiben.

Ich durfte für meinen Blog ein Marketing im Pott-Interview mit Katrin Kröll, Projektmanagerin beim ruhr:HUB, und Andreas Kaminski, Projekt-Koordinator im CAMP.ESSEN führen, um genauer zu erfahren, was sich hinter dieser Initiative versteckt und warum auch das CAMP.ESSEN als lokale Anlaufstelle eine wichtige Rolle spielt.

Frau Kröll, beginnen wir mal mit den Basics. Was ist der ruhr:HUB und seit wann gibt es ihn?

Katrin Kröll: „Der ruhr:HUB ist eine Initiative von der Digitale Wirtschaft NRW (DWNRW). Es bestand im letzten Jahr die Möglichkeit, sich als Stadt oder Region für diese Initiative zu bewerben. Im Ruhrgebiet haben einige Städte darüber nachgedacht sich einzeln zu bewerben. Aber man ist zu dem Schluss gekommen, dass es durchaus sinnvoll ist, die Stärken des Ruhrgebiets zu bündeln. So kam es zum Zusammenschluss von sechs Ruhrgebietsstädten. Diese haben sich dann gemeinsam darauf beworben und so wurde am 06.12.2016 der ruhr:HUB ins Leben gerufen. Seitdem ist er die zentrale Anlaufstelle für Digitalisierung im Ruhrgebiet. Wir kümmern uns um alles, was die Digitalisierung betrifft, um Start-Ups oder um die Vernetzung von Start-Ups mit Mittelständlern oder Konzernen. Zum ruhr:HUB gehören die folgenden Städte: Duisburg, Mülheim, Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Dortmund. Außerdem gehört die Businessmetropole Ruhr zu den Gesellschaftern. Natürlich weisen wir Start-Ups und KMU’s aus anderen Städten deshalb nicht ab. Alle sind herzlich willkommen, da wir nur als Metropolregion eine Chance haben.“

Und wie ordnet sich das „CAMP.ESSEN“ in dieses Konstrukt ein?

Andreas Kaminski: „Die Idee, dass es im Ruhrgebiet auch lokale Anlaufstellen geben soll, kam vom Ministerium, welches dieses Projekt in NRW eingeleitet hat. Der ruhr:HUB ist regional aufgestellt, weitere Anlaufstellen gibt es in Düsseldorf, Bonn, Köln, Münster und Aachen. Da steht eine Stadt für einen HUB, bei uns steht die ganze Region für einen HUB. Daher gibt es bei uns lokale Einheiten, die dem ruhr:HUB zuarbeiten. Wir fanden hier in Essen den Begriff Camp oder Lager einfach gut. Dann hat unsere Werbeagentur gedacht, wir machen da ein Lagerfeuer draus (Anmerk. d. Red.: Logo vom CAMP.ESSEN) und so hat sich auch der Leitsatz gebildet: Wir treffen uns am digitalen Leuchtfeuer. In den anderen Städten wie Bochum und Dortmund gibt es auch lokale Einrichtungen, nur die heißen dort nicht Camp, weil sie keinen neuen Markennamen schaffen wollten. Ein Beispiel sind die Gründungsförderer in Dortmund. Das CAMP.ESSEN ist jetzt seit dem 25.02.2016 der lokale Arm des ruhr:HUB in Essen.“

Was ist die Vision hinter dem Projekt?

Katrin Kröll: „Wir im Ruhrgebiet brauchten einfach eine zentrale Anlaufstelle für alles, was die Digitalisierung betrifft. Es gibt jede Menge Initiativen und Veranstaltungen – private wie öffentlich geförderte. Für viele wird das Thema langsam „unsexy“, sie wissen nichts damit anzufangen und gerade KMU hängt das zu den Ohren raus. Wir wollen das bei uns bündeln: Welche Angebote gibt es? Was wird wo angeboten? Und dann wollen wir natürlich verbinden und zusammenbringen. Wir wollen alle Parteien, die es in der Digitalisierung gibt, ob das Hochschulen sind, Konzerne, KMU oder Start-Ups, miteinander verknüpfen. Dazu organisieren wir beispielsweise Veranstaltungen wie zuletzt erst vor zwei Tagen den Experience-Day. Dazu hatten wir unterschiedliche Speaker und Start-Ups eingeladen. Wir bieten Start-Ups damit eine Bühne, sich und ihre Ideen zu präsentieren. Sie müssen hier nicht nur pitchen, wie sie es sonst gewöhnt sind, sondern können einfach zeigen: Wir haben bei dem Thema Ahnung. So können sie einen Bekanntheitsgrad aufbauen. Wir wollen die Gründerkultur im Ruhrgebiet einfach weiter stärken. Gründen ist kein Muss, aber Gründen sollte für junge Leute als eine Alternative wahrgenommen werden. Es muss attraktiv sein, diesen Schritt zu gehen. Und da wollen wir die unterstützen. Und da greifen dann die lokalen Arme wie hier im CAMP.ESSEN, die die Gründer direkt auffangen und begleiten.“

Andreas Kaminski: „Wir sagen von uns selbst, wir sind ‚Enabler‘, auf deutsch Ermöglicher. Wir wollen Sachen ermöglichen, aber wir wollen niemanden dazu zwingen, sich selbstständig zu machen. Wir wollen Mehrwerte bieten.“

Andreas Kaminski vom CAMP.ESSEN und Katrin Kröll vom ruhr:HUB.

Andreas Kaminski vom CAMP.ESSEN und Katrin Kröll vom ruhr:HUB.

Wie genau ist die Aufteilung der Aufgaben zwischen dem CAMP.ESSEN und dem ruhr:HUB?

Katrin Kröll: „Der ruhr:HUB bietet im Deutschlandhaus in Essen einen Co-Working Space auf knapp 500 m² mit rund 40 Arbeitsplätzen an, welcher momentan auch sehr gut besucht ist. Das machen wir, damit man zum einen eine Möglichkeit hat sich dort zu entfalten, aber unser Hauptziel ist es immer, zu matchen. Wir sorgen dafür, dass unsere Start-ups sich präsentieren. Dies kann zum Beispiel über Wettbewerbe wie den „start2grow“ in Dortmund laufen. Dort können Start-Ups von Mentoren profitieren und Preise gewinnen. Ähnlich ist es in Bochum bei „Senkrechtstarter“. Dabei legen wir den Fokus auf die Start-Up-Szene.

Wir sehen uns beim ruhr:HUB als Vermittler. Wir bieten Know-how und ein Netzwerk tief in die Unternehmen hinein. Wenn ein Start-up alleine bei einer großen Firma oder einem Konzern keinen Fuß in die Tür bekommt, dann können wir vielleicht helfen.“

Andreas Kaminski: „Alles was lokal passiert, passiert hier im Camp. Gerade die Vernetzung zwischen Start-ups und Konzernen ist auch bei uns immer ein großes Thema. Viele große Konzerne sind auch Kooperationspartner bei uns, daher können wir die Rolle des Türöffners auch übernehmen. Vor zwei Monaten haben wir dazu zum Beispiel das erste Mal unser Projekt ‚Parttime-Start-up‘, also Teilzeit-Start-up, durchgeführt. Dabei schicken wir Mitarbeiter aus einem Konzern für sechs Wochen in ein Start-up. Auch die Konzerne kommen langsam darauf, dass die teilweise noch vorhandenen, hierarchischen Strukturen nicht förderlich sind für die Entwicklung neuer, innovativer Geschäftsmodelle und Ideen. Bei den Start-ups bekommen die Mitarbeiter die Chance zu erleben, wie ein Projekt agil umgesetzt werden kann. Diese Erfahrung kann er danach an seinen Arbeitsplatz mitnehmen. Im ersten Anlauf waren es zwei Mitarbeiter von Innogy, die wir in zwei verschiedene Start-ups gesetzt haben. Die beiden waren am Ende total happy, dass sie das mal mitgemacht haben. Dafür müssen die Konzerne aber natürlich auch die Bereitschaft zeigen, ihre Mitarbeiter für den Zeitraum freizustellen. Ein weiterer Vorteil dabei ist: So haben wir zwischen dem Konzern und dem Start-up auf kleiner Ebene einen ersten Kontakt geschaffen.

Den umgekehrten Weg sind wir aber auch schon gegangen. Das heißt bei uns „Date my Start-Up“. Da haben wir sieben Start-Ups an die Hand genommen und diese an einem Tag durch Abteilungen von zwei Konzernen durchgeschleust. Das gab den Start-Ups einen Einblick, welche Voraussetzungen sie mit ihrem Produkt erfüllen müssen, um den Konzern als Abnehmer zu gewinnen. Das sind zum Teil ganz profane Dinge: Was muss im Angebot drinstehen? Wen spreche ich da am besten an?“

Was erwartet die Start-ups im Camp Essen genau?

Andreas Kaminski: „Wir wollen den Start-ups, die sich zum Teil wirklich noch in einer sehr frühen Phase befinden, ein gewisses Rüstzeug an die Hand geben. Dafür haben wir immer wiederkehrende Sprechstunden. Wir bieten auch Kurse mit einer Referentin an, die sich mit dem Thema ‚Büromanagement‘ auseinandersetzt: Wie organisiere ich mich eigentlich? Sowohl als Einzelner als auch später mal im Team. Oft haben wir sogenannte „One-Man-Shows“. Die sind ihr eigener Buchhalter, ihr Akquisiteur, ihr Vermarkter und vieles mehr. Da muss man sich erstmal organisieren. Außerdem gibt es jede Woche das sogenannte Ideen-Sparing. Dabei kommen Start-ups vorbei, wir nehmen uns ein paar Stunden Zeit und hören uns ihre Idee bzw. ihren Businessplan an. Dann sagen wir ihnen, ob das Ganze in die richtige Richtung geht oder woran man noch schrauben muss.“

Gibt es auch Angebote im Camp Essen für KMU?

Andreas Kaminski: „Ja, wir haben den an jedem ersten Dienstag im Monat den sogenannten ‚Digitalen Dienstag‘. Dabei richten wir uns an Mittelständler, die erkannt haben, dass Digitalisierung jetzt ein wichtiges Thema wird oder die für das Thema sensibilisiert werden sollen. Wir führen diese Veranstaltung zusammen mit der IHK durch, dort kann man sich für die Teilnahme anmelden. Wir haben ein breites Füllhorn an Themen, die wir anbieten: Zum Beispiel Videomarketing, Social Media, etc. Das läuft dann aber nicht als Vortrag ab, sondern die Teilnehmer arbeiten richtig mit.“

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Katrin Kröll: „Wir wollen natürlich die Gründerszene und Start-up-Kultur im Ruhrgebiet fördern. Wir wollen sie groß machen. Wir wollen das Ruhrgebiet attraktiv für Gründer machen und zeigen, was wir hier drauf haben. Und wir wollen die Potenziale von 280.000 Studenten, knapp 20 Hochschulen und abertausenden Unternehmen vor Ort nutzen. Man braucht nicht nach Berlin gehen.“

Andreas Kaminski: „Für mich wäre wichtig, dass wir weiter Bewegung in die Gründer-Community ‚reinkriegen. Die Szene entwickelt sich zwar, aber da kann noch viel mehr passieren. Außerdem wäre es natürlich schön, wenn wir es schaffen würden in den nächsten Jahren auch regionale Start-ups bundesweit vermarkten zu können und diese dann etwas vorzeigen können – echte Erfolgsstorys, die brauchen wir, das wäre schön.“

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Kati Blumenrath

Von Kati Blumenrath

Arbeitet seit 2014 als Projektmanagerin und Bloggerin für Marketing im Pott.

Von | 2017-12-08T15:22:58+00:00 6. Dezember 2017|Management, Werben im Pott|0 Kommentare

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