Bewerbungsverfahren: Castingshow – Das Model der Zukunft?
  • View Larger Image Mitarbeiter müssen Unternehmen im Bewerbungsverfahren von sich überzeugen. Bild: Pixabay

    Bewerber müssen im Bewerbungsgespräch einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Bild: Pixabay

Bewerbungsverfahren: Castingshow – Das Model der Zukunft?

Die Ressource Mensch: Laut Studien wird sie immer schwieriger zu beschaffen. Fachkräftemangel, freibleibende Ausbildungsstellen – das sind nur zwei der Schlagwörter, welche die Personaler vieler deutscher Unternehmen umtreiben. Und das quer durch die Branchen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Märkte sind übersättigt, die Güter und Produkte austauschbar. Immer öfter wird der Faktor Mensch zum ausschlaggebenden Verkaufsargument. Vorbei sind die Zeiten, in denen Unternehmen sich nur an das Prinzip der vier Instrumente des Marketing-Mix halten mussten.

Kurzerhand werden Mitarbeiter zu Aushängeschildern oder sogar Markenträgern gemacht, um den Erfolg des Unternehmens direkt zu beeinflussen. Ein Beispiel aus meinem Alltag: Die Wahl des Friseurs. Auswahl gibt es dort genug. Verschiedene Kriterien haben sich daher auf meine Entscheidung ausgewirkt. Da wäre zunächst mal die Entfernung zur Wohnung, denn der Fahrtweg sollte nicht zu lang sein. Auch die Parkplatzsituation spielt eine Rolle. Aber am Ende habe ich mich von der netten Mitarbeiterin überzeugen lassen.

Schließlich sitzt „Frau“ da zum Teil stundenlang vor dem Spiegel und dabei möchte man sich wohlfühlen und sich im besten Fall auch noch nett unterhalten. Hier macht der Mensch den Unterschied.

Wie findet man den passenden Mitarbeiter?

Daher präsentieren Mitarbeiter auch immer das Unternehmen nach außen und sollten im besten Fall zur Unternehmenskultur passen. Eine gute Auswahl ist also das A und O. Und so kommen wir zu dem eigentlichen Thema meines Blogs: Wie muss ich mich als Mitarbeiter selbst präsentieren bzw. sogar vermarkten, um auf dem Berufsmarkt erfolgreich zu sein?

Die Idee zu diesem Blog kam mir, als ich einen Artikel in „Die Zeit Special – Mein Job. Mein Leben.“ gelesen habe. Dort geht es darum, dass immer mehr Unternehmen ihr Bewerbungsverfahren wie ein Casting aufziehen. Unter den Beispielen finden sich einige bekannte Unternehmen wie die Deutsche Bahn. Hier wurde vorranging das Bewerbungsverfahren für zukünftige Auszubildende unter die Lupe genommen. Kernaussage ist: Der Bewerber punktet mit dem ersten Eindruck, die Schulnoten sind zweitranging.

Speeddating mit dem zukünftigen Chef

Ein anderer Trend ist auch das Speeddating. Was früher den Singles dieser Welt zu einem neuen Partner verhelfen sollte, ist heutzutage auch im Jobleben angekommen. Hier treffen Arbeitgeber auf potenzielle Bewerber aufeinander und haben nur 10 Minuten Zeit, den gegenüber kennenzulernen. Die IHK Dortmund hat diese Art des Kennenlernens in diesem Jahr für Ausbildungsplätze angeboten.

Die kommunikativen Fährigkeiten eines Bewerbers haben einen deutlich höheren Stellenwert als noch vor Jahren. Für meinen Blog konnte ich zu diesem Thema ein kleines Interview mit Jörg Grabowski, Leiter der Personalentwicklung der FUNKE MEDIENGRUPPE in Essen, führen:

Herr Grabowski, können Sie uns zuerst einen kleinen Einblick geben, wie viele Mitarbeiter in NRW für die FUNKE MEDIENGRUPPE arbeiten und welche Berufsgruppen vertreten sind?

Jörg Grabowski: „In NRW arbeiten für die FUNKE MEDIENGRUPPE in den verschieden Aufgabenbereiche und Tochterunternehmen ca. 1.900 Mitarbeiter. Dabei sind die Berufsgruppen sehr vielfältig vertreten: Journalisten, Mediengestalter, Vermarkter, Vertriebler und die klassischen Berufe, die in jedem Unternehmen zu finden sind: IT, Marketing, Finanzen & Controlling, etc.“

Wie können wir uns den Ablauf des Bewerbungsverfahren innerhalb der FUNKE MEDIENGRUPPE vorstellen?

Jörg Grabowski: „Wir haben nicht das eine Bewerbungsverfahren. Für die verschiedenen Tätigkeitsbereiche gibt es auch unterschiedliche Vorgehensweisen. Bei Auszubildenden & Trainee setzen wir z. B. das klassische Assessment Center ein. Bei Führungsaufgaben nutzen wir je nach Position auch Einzel AC. Zunächst werden immer Einzelgespräche mit interessanten Bewerbern geführt, danach kann es dann zur Besetzungsentscheidung kommen oder die Entscheidung fallen, den Kandidaten je nach Position ins AC zu bringen.“

Viele Unternehmen achten bei ihrem Auswahlverfahren verstärkt auf die kommunikativen Fähigkeiten der Bewerber. Eine überzeugende Selbstpräsentation wird oftmals stärker bewertet als eine gute schulische bzw. akademische Ausbildung. Wie ist das bei Ihnen? Worauf legen Sie bei den Bewerbern besonders viel Wert?

Jörg Grabowski: „Eine Selbstpräsentation ist für uns auch wichtig, aber nur ein Kriterium. Wir hinterfragen auch immer fachliche Situationen, um die fachliche Kompetenz zu beleuchten. Wichtig sind auch Aspekte wie Teamfähigkeit, Kreativität und Flexibilität. Bei Führungsaufgaben sind natürlich auch Empathie und Überzeugungsstärke wichtige Kriterien. Damit eine gute Kommunikationskompetenz nicht den Effekt hat andere Defizite zu überstrahlen, werden bei uns die Beobachter vor einem AC darauf geschult, genau dieses zu erkennen. Wichtig ist hier auch auf die verschiedenen Verhaltensweisen des Bewerbers in den unterschiedlichen Situationen zu achten. Zusätzlich beschreiben wir erfolgskritische Verhaltensweise für die FUNKTION die mit konkreten Verhaltensbeschreibungen hinterlegt sind. Damit schauen die Beobachter nicht nur auf die eine Kompetenz Kommunikation, sondern haben auch bewusst vor Augen, dass noch andere Kompetenzen wichtig sind.“

In meinem Blog habe ich darüber berichtet, dass einige deutsche Unternehmen Ihre Bewerbungsverfahren ähnlich aufbauen wie bei einem Casting. Was halten Sie von diesem Ansatz und glauben Sie, dass Bewerber durch eine gute Selbstvermarktung wirklich bessere Chancen haben, als eher zurückhaltende Bewerber mit besseren Noten oder höheren Abschlüssen?

 

Jörg Grabowski: „Wir setzen auch Castings als Instrument ein, allerdings nicht ausschließlich um die Persönlichkeit im Sinne der Selbstvermarktung kennenzulernen, sondern dann auch mit Fallsituationen. Da wird dann sehr schnell deutlich, ob das, was an Kompetenz vermarktet wurde auch wirklich vorhanden ist.“

Vielen Dank für das informative Interview.

Am Ende stellt sich mir die Frage: Muss ich mich für einen guten Job verbiegen und den Entertainer mimen oder ist das nur ein Trend in gewissen Branchen, der sich nicht weiter etablieren wird? Wenn aber doch, was sagt das dann über unsere Gesellschaft aus?

Ich verstehe, dass die kommunikativen Fähigkeiten von Mitarbeitern im Job durchaus wichtiger geworden sind. Jedoch finde ich den Ansatz von Herrn Grabowski richtig, dass auch noch andere Kompetenzen über eine Zu- oder Absage entscheiden sollten.

Aber das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und an einem sicheren Auftreten zu arbeiten kann in keinem Fall falsch sein. Hierzu gibt es auch einige Seminare oder Kurse, die genau diese Fähigkeiten fördern.

Die Suche nach Mitarbeitern hat es übrigens mittlerweile sogar ins Fernsehen geschafft, auf VOX läuft aktuell am Dienstagabend (direkt nach der „Höhle der Löwen“) die Sendung „Das Vorstellungsgespräch“.

Kati Blumenrath

Von Kati Blumenrath

Arbeitet seit 2014 als Projektmanagerin und Bloggerin für Marketing im Pott.

Von | 2017-11-22T09:26:46+00:00 25. Oktober 2017|Management|0 Kommentare

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