Flache Hierarchien, selbstbestimmte Aufgaben und ein hohes Maß an Flexibilität – das ist es was sich viele Arbeitnehmer heute wünschen. Dies erfolgreich umzusetzen ist Aufgabe des agilen Managements.

Ob Führungskraft oder Mitarbeiter – agiles Management betrifft alle! Der innovative Führungsansatz ist in aller Munde und birgt viele Chancen für Unternehmen, sich flexibel an den Bedürfnissen der Menschen und Märkte auszurichten. Doch was steckt genau dahinter und wie kann man agiles Management reibungslos umsetzen?

Wie die agile Steuerung aus Management-Sicht funktioniert, verrät uns Andreas Bachmann, CEO und Mitgründer des IT-Dienstleisters Adacor Hosting GmbH, im Experteninterview.

Herr Bachmann wie sollte eine moderne Führung im Jahre 2020/2021 aussehen?

Andreas Bachmann ist CEO der Adacor Hosting GmbH, verantwortet den operativen Bereich des Unternehmens und ist Ansprechpartner für alle Teamleiter und Teams der Adacor.

Andreas Bachmann ist CEO der Adacor Hosting GmbH, verantwortet den operativen Bereich des Unternehmens und ist Ansprechpartner für alle Teamleiter und Teams der Adacor.

Andreas Bachmann: Moderne Führung setzt nicht auf die klassischen Top-down- und Bottom-up-Methoden, sondern der Ansatz erfordert dynamischere Methoden. Viele Rahmenbedingungen ändern sich durch die Digitalisierung, den technischen Fortschritt und unbeständige Märkte. Zusätzlich erfordert der Fachkräftemangel, dass Unternehmen den Bedürfnissen von jungen und qualifizierten Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen gerecht werden. Nur so lassen sich Arbeitskräfte für das eigene Unternehmen gewinnen. Der Führungsansatz „Leading Agile“ bietet einen geeigneten Ausweg, um auf diese Herausforderungen flexibel zu reagieren.

Woher stammt der Begriff „Leading Agil” und die Idee dahinter?

Andreas Bachmann: Der Begriff stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung. Der Ansatz wurde vor 20 Jahren als ein Meilenstein in der agilen Bewegung gesetzt. Das Prinzip des agilen Managements ist aber nicht nur auf die IT-Branche beschränkt. Die Leitlinien lassen sich ebenso auf andere Branchen und ganz verschiedene Unternehmen individuell übertragen. Entscheidend ist dabei, dass der einzelne Mitarbeiter dabei stets im Fokus des agilen Arbeitens steht.

Bei der Planung der agilen Arbeitsorganisation sollte man vorab gründlich überdenken, welches Modell am meisten Sinn macht. Dabei hilft es sich die Fragen zu stellen: Wie lassen sich starre Konstrukte mit Agilität verbinden? Welche Strukturen resultieren aus dem jeweiligen Marktumfeld des eigenen Unternehmens?

Wie gelingt es Unternehmen Agilität in der Praxis erfolgreich umzusetzen, insbesondere wenn diese Methode noch Neuland bedeutet?

Andreas Bachmann: Primär geht es darum, den Mitarbeitern Vertrauen in ihren fachlichen und persönlichen Kompetenzen entgegenzubringen und als Führungskraft die Zügel auch einfach mal loszulassen. Die Kontrolle abzugeben, ist sicherlich für viele Führungskräfte ein schwerer oder gewöhnungsbedürftiger Schritt. Er ist jedoch notwendig, damit sich Agilität im Unternehmen entwickeln kann.

Sich auf diese Neuausrichtung einzulassen bedeutet im Einzelnen: Führung sowohl mithilfe von Vertrauen und Unterstützung, Ausrichtung statt Anweisungen, wiederholende Umsetzungen und Lerneffekte, Selbstreflexion und regelmäßiges Austesten, crossfunktionale Zusammenarbeit, nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg, Stärkung von Bindungen und der Unternehmenskultur.

Kann dies nicht auch als eine Methode der Führungslosigkeit interpretiert werden?

Andreas Bachmann: Agilität entbindet keinesfalls die Führungskräfte von ihren Verpflichtungen. Es ist unbedingt notwendig den Teams eine Leitfigur zur Seite zu stellen, denn auch die Führungskräfte übernehmen diverse Steuerungsaufgaben und unterstützen die Teammitglieder bei der Umsetzung und Überwindung von Hürden. Die Vision Agilität zu verkörpern ist dabei in der Innen- und Außendarstellung besonders wichtig, um diesem Managementansatz auch die notwendige Authentizität zu verleihen.

Wie können die Mitarbeiter und Führungskräfte am besten auf diese Neuausrichtung vorbereitet werden? Sicherlich ist nicht jedes Teammitglied begeistert von dieser Form der Verantwortung…

Andreas Bachmann: Die Einführung dieser Methode birgt in der Tat anfängliche Herausforderungen. Veränderung bedeutet je nach Erfahrung und Typus immer eine Form der Gefahr. Auch diese Methode ist kein „Allheilmittel“ gegenüber Konflikten im Arbeitsalltag. Mit Unsicherheiten und Widerstand muss gerechnet werden. Aus diesem Grund und mit diesem Bewusstsein sollte die Einführung behutsam angegangen werden. Dies bedeutet bereits bei der Vorbereitung Maßnahmen zu integrieren, welche das Vertrauen untereinander und das Loslassen fördern können. Die Veränderungen sollten dabei stets Schritt für Schritt erfolgen, um einer Überforderung der Mitarbeitenden entgegenzuwirken.

Letztendlich müssen alle Parteien mitwirken, sich auf neue Prozesse einlassen und gängige Verhaltensmuster ablegen. Ist diese Transformation gelungen bringt der Leading-Agile-Ansatz eine lohnenswerte Bereicherung für Unternehmen und deren Beschäftigten. Durch die moderne agile Führung und Arbeitsorganisation wird das Unternehmen überlebensfähiger, da es sich auf verändernde Marktbedingungen schneller anpassen kann.

Welche Tools können dabei im Arbeitsalltag unterstützen?

Andreas Bachmann: Wir setzen drei Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung ein: One Page Strategy, Zielvereinbarungen (Objectives and Key Results, kurz: OKR) und Scrum.

Bei der One Page Strategy handelt es sich um die Bestimmung einer langfristigen Unternehmensstrategie. Dabei stehen Zweck, Werte und die dazugehörigen Rahmenbedingungen im Fokus der Formulierung. Es werden konkrete Zielsetzungen von ein bis fünf Jahren festgelegt. Nachdem diese übergreifende Strategie feststeht sind die einzelnen Abteilungen und Teams gefordert diese auf den eigenen Arbeitsbereich zu übertragen und auf einem One Pager festzuhalten. Die verschiedenen Strategien stehen jährlich auf dem Prüfstand.

Die OKR sind die einzelnen Ziele, welche von der One Page Strategy abgeleitet werden. Die Festlegung der OKRs kann z.B. auf Quartalsebene erfolgen. Die Ziele werden gemeinsam vom Team und der Führungskraft bestimmt, sie werden nicht von der Geschäftsführung oder der Teamleitung vorgegeben. Die Zielvereinbarungen müssen nicht immer im gleichen Verhältnis zueinanderstehen. So ist beispielsweise auch eine Gewichtung der Teamentscheidung von 80 Prozent zu 20 Prozent denkbar. Daran lässt sich das Verhältnis von Anweisung zu Ausrichtung sehr gut ablesen. Abschließend erfolgt ein Rating, um zu bewerten, welche Maßnahmen erfolgreich waren und welche verbessert werden sollten. Daraus werden die Folgeziele festgelegt. Das Ergebnis sollte im besten Fall keinen Einfluss auf das Gehalt ausüben.

Scrum ist besonders förderlich für eine agile Arbeitsorganisation. Um Transparenz und Struktur zu schaffen, spielen Planungen, kurze Tagesmeetings und Sprints eine wichtige Rolle. Zur regelmäßigen Überprüfung der Ziele und um Feedback zu erhalten, unterstützen Reviews und Retrospektiven. Um den Prozess zu visualisieren, sind Projektmanagement-Tools wie JIRA von Atlassian hilfreich. Das Ticketsystem schafft zusätzliche Transparenz. Um zeitgleich an Dokumenten zu arbeiten, ist die Groupware Confluence empfehlenswert. Alle Mitarbeitenden können über das Internet auf das Tool zugreifen. Alle Inhalte und Zwischenstände sind für alle in der aktuellen Version abrufbar.

Wie gut hat die Umsetzung des agilen Managements für Ihr Unternehmen funktioniert?

Andreas Bachmann: Insgesamt wirklich sehr gut! Der Vergleich der Ergebnisse aus unserer Teilnahme an der Great-Place-to-Work-Befragung 2018 und 2020 hat gezeigt, dass wir die Mitarbeiterzufriedenheit um elf Prozent steigern konnten. 2018 waren insgesamt 82 Prozent der Mitarbeitenden der Meinung, dass Adacor ein guter Arbeitgeber ist. 2020 waren davon bereits 93 Prozent überzeugt.

An diesen Zahlen lässt sich ablesen, wie erfolgreich die Einführung des agilen Führungsmodells gewesen ist und wir haben in dem Zeitraum viele Maßnahmen neu entwickelt und implementiert. Das Ergebnis zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Deshalb werden wir diesen Ansatz weiter forcieren und ausbauen.

Vielen Dank für das Interview Herr Bachmann und weiterhin viel Erfolg!

 

Lena Nagarajah

Von Lena Nagarajah

Ist für die FUNKE Mediengruppe als Projektmanagerin im SalesMarketing tätig und zertifizierte Online Marketing Managerin.