Der neue Imagefilm für die Stadt Essen hat online bereits Aufmerksamkeit erzeugt. Die rasante Schnittfolge zeigt Bewohnern und Touristen die Vielschichtigkeit und Authentizität, die Essen bietet.

In gerade einmal knapp fünf Minuten Spielzeit haben die Filmemacher in sage und schreibe um die 500 Schnitte und Einstellungen untergebracht, die eine rasante Geschichte der Stadt erzählen – und große positive Resonanz online und „offline“ geerntet haben. Wir sprachen mit der Regisseurin Nicola Schwedt und dem Chef der  Essener Marketing Agentur (EMG), Richard Röhrhoff.

Herr Röhrhoff, warum haben Sie überhaupt einen Image-Film produziert?

Richard Röhrhoff: Ganz profan ausgedrückt: Weil wir keinen richtig aktuellen mehr hatten. Der letzte richtige Image-Film datiert noch aus der Zeit der Kulturhauptstadt, also 2010. Wir bekommen viele Anfragen nach Bewegtbildern und wollten eh einen aktuellen Bewegtbild-Pool aufbauen. Dann machte es Sinn auch einen Film zu schneiden. Und als ich dann das Ergebnis gesehen habe, war ich schon beeindruckt. Ich bin auf die Macher sehr stolz, wer so einen Film macht, liebt seine Stadt.

Produktion: Essen Marketing GmbH und K+S Studios Essen Regie/Schnitt: Nicola Schwedt/Marcus Kalthoff Kamera/Sound Design: Marcus Kalthoff

Frau Schwedt, wo liegen denn die inhaltlichen Schwerpunkte?

Nicola Schwedt: Freizeit, Tourismus, alles was Spaß macht und schmeckt. Wir haben einen starken Aspekt auf die grüne Seite der Stadt gelegt, aber auch ganz viele Events von der Elektro-Party am Baldeneysee bis zum Fußballspiel von Rot-Weiss Essen drin. Wir zeigen alles, was Essen aus touristischer Sicht besonders und einzigartig macht. Wir zeigen die Innenstadt und verschiedene andere Highlights auf dem ganzen Stadtgebiet. Wir hatten eine Best-of-Liste der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Da sind dann während unser insgesamt rund einjährigen Arbeit immer wieder neue Kleinigkeiten und Details oder auch ganze Locations hinzugekommen, bei denen wir das Gefühl hatten: Das wäre eine Bereicherung. Dass der Film in seiner jetzigen Form einem generalstabsmäßigem Drehplan entspricht, ist nicht der Fall.

Ist es auch Zufall, dass Mensch und Tier so gut wie immer direkt in die Kamera schauen und so mit dem Zuschauer kommunizieren und einen emotionalen Marker schaffen?

Nicola Schwedt: Das ist kein Zufall. Wir hatten sehr viel Bildmaterial und haben festgestellt, dass diese Aufnahmen einfach eine starke Wirkung auf den Zuschauer haben.

Inhaltlich werden aber auch Dinge ausgelassen, etwa die klassischen Arbeiterquartiere und die kleinbürgerlichen Wohnumfelder in der Stadt. Warum die Konzentration auf die Schokoladen-Seiten?

Richard Röhrhoff ist Geschäftsführer der Essen Marketing GmbH, Nicola Schwedt ist verantwortlich für Werbung, Film und Foto. Bild: Grenz

Richard Röhrhoff ist Geschäftsführer der Essen Marketing GmbH, Nicola Schwedt ist verantwortlich für Werbung, Film und Foto. Bild: Grenz

Richard Röhrhoff: Eines unserer dezidierten Ziele ist, Essen noch stärker auf der touristischen Landkarte zu verankern und der Stadt darauf ein Profil zu geben. Und wenn man die touristische Qualität der Stadt zeigen will, dann muss man die touristisch relevanten Seiten zeigen. Wir wollten eben keine Dokumentation produzieren, sondern das Image der Stadt nach außen stärken. Das ist unser Job und das ist die Hauptfunktion des Imagefilms.

Nicola Schwedt: Der Tourist will einfach die Leuchttürme sehen.

Ist denn das Image der Stadt auch nach Kulturhauptstadt 2010 und Grüne Hauptstadt 2017 im Rest der Welt immer noch so schlecht?

Richard Röhrhoff: Da hat sich natürlich enorm viel getan. Aber es ist immer noch so, dass Essen auf der touristischen Landkarte als Entdecker-Ziel nicht so richtig vorkommt. Viele Menschen in anderen Teilen Deutschlands denken: Das ist hier der alte Kohlenpott. Diese Phase ist aber in der Stadtgeschichte auch nur ein Teil, ein wichtiger, aber nicht alles. Die ganze Geschichte macht die wahre Einzigartigkeit der Stadt aus und das möchten wir vermitteln. Nach innen und außen.

Wird dies nicht schon seit Jahren ruhrgebietsweit getan?

Richard Röhrhoff: Radwege, Halden, Industriedenkmäler: So wird Essen und das Ruhrgebiet häufig nach außen verkauft. Das ist einfach zu wenig und das wird uns auch nicht weiterbringen. Es ist ja nicht so, dass wir keine Ruhrgebietstraditionen und Industriedenkmäler aus der Zeit des Bergbaus zeigen würden. Aber eben nicht im Schwerpunkt.

Und nach innen? Hadert der Essener mit seiner Stadt?

Richard Röhrhoff: Viele Essener merken doch anhand von Freunden oder Bekannten die woanders leben, dass man schnell auf ,Kohlenpott‘ reduziert wird. Mein Eindruck nach zwei Jahren Amtszeit hier ist, dass sich viele Essener etwas wünschen, dass ihre Heimat einfach vielschichtiger und damit auch ein Stück authentischer zeigt. Eine weitere Aufgabe von uns ist, das Selbstbild an dieser Stelle innerhalb der Stadt zu stärken. Und ich denke, auch dazu ist die Produktion gut zu gebrauchen.

Auch in der Form gehen Sie neue Wege, ich meine damit die rasante Schnittfolge, die sich doch von vielen anderen Imagefilmen unterscheidet. Sprechen Sie bewusst ein jüngeres Publikum an?

Nicola Schwedt: Der Film ist so produziert, dass er über das Internet Verbreitung findet. Und dort sind mehrheitlich jüngere Menschen unterwegs, die aktiv sind und deren Sehgewohnheiten so bedient werden. Wir haben aber keine spezifische Zielgruppe im Hinblick auf das Alter im Kopf gehabt. Aber es stimmt schon: Der Film ist eher eine Achterbahn- als eine Kaffeefahrt.

Richard Röhrhoff: Mit einer Kaffeefahrt schaffe ich ja auch keine Reichweiten im Netz und keine Kontroversen und Diskussionen. Wir möchten etwas verändern und dazu braucht man Diskussion. Wir wollen Reibung und etwas, das diese Diskussionen auslöst.

Und wie war die Resonanz? Ihre Klickzahlen waren ja mit 100.000 Views nach drei Tagen beeindruckend. Und sie steigen stetig.

Nicola Schwedt: Wir waren über die große Resonanz auch sehr erfreut. Und auch über das differenzierte Lob, etwa dass wir eine katholische Kirche, eine Moschee und auch eine Synagoge zeigen. Ich hätte schon mit mehr negativen Kritiken gerechnet. Rund 90 Prozent der Feedbacks waren positiv. Älteren Menschen war das Ganze aber mitunter zu schnell.

Richard Röhrhoff: Es war klar, dass es Leute geben würde, die sagen: Das ist zu modern. Aber es gibt auch andere Kritik. Eine aus Essen stammende Professorin, die nun in Südamerika lebt, findet z.B. die ethnische Vielfalt der Stadt unterrepräsentiert. Das ist ein sehr wertvoller Einwand, den wir sicher noch aufgreifen werden. Dieser Film ist aber nun ein touristischer Film und unsere Kernmärkte sind Mitteleuropa. Da stoßen diese Aspekte nicht auf großes Interesse. Klar aber ist: Der Film ist nur der Anfang einer Reihe und es wird noch Gelegenheit geben, noch mehr Gesichter der Stadt zu zeigen.

Was passiert nun mit dem Film?

Richard Röhrhoff: Das liegt zum großen Teil gar nicht mehr in unserer Hand. Wir machen den Film bewusst zugänglich über alle möglichen Internet-Kanäle. Den sollen alle nutzen, die Außenkommunikation betreiben. Also Firmen, die Mitarbeiter für den Standort Essen werben wollen, Vereine, die zeigen, wo sie herkommen und viele mehr. Und natürlich verbreiten wir den Film auch selbst aktiv.

Frau Schwedt, Herr Röhrhoff, vielen Dank für das Interview.

Richard Röhrhoff ist seit dem 1. Januar 2018 Geschäftsführer der Essen Marketing GmbH (EMG). Davor war er zehn Jahre lang selbstständiger Event- und Kommunikationsberater.

Zusätzlich bekleidete er von 2010 bis 2016 ehrenamtlich die Position des Geschäftsführers beim Marketing Club Ruhr. Für den Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen übernahm er vor der Kommunalwahl 2015 ein Jahr lang die Wahlkampfleitung.

Von 2005 bis 2007 war er Geschäftsführer beim Ballhaus Krefeld, von 2003 bis 2005 Geschäftsführer der Burg Satzvey. Außerdem arbeitete er seit 1994 bei verschiedenen Radiosendungen als Reporter, Sportreporter und Moderator.

Nicola Schwedt ist seit 2008 bei der EMG und hier verantwortlich für Werbung, Film und Foto.

Im Jahr 2009 holte sie mit ihrem Team auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) beim Internationalen Tourismus-Film-, Print- und Multimediawettbewerb „Das Goldene Stadttor“ für einen Imagefilm für die Stadt Essen den dritten Platz.

Zuvor hatte sie bereits während des Studiums u.a. von Film & Fernsehen in Bochum auch beim Fernsehen gearbeitet sowie von 2004 bis 2008 bei den Kurzfilmtagen Oberhausen.

Markus Grenz

Von Markus Grenz

Als Journalist ein Exot bei der Funke Media Sales. Hat sich in der Serviceredaktion das große Herz für die oftmals gar nicht so „kleinen Dinge“ vor der eigenen Haustür erhalten.